Deutschlands erstes Dunkelrestaurant
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Erhellende Gedanken
von Heike Backhaus

 

I. Interessante Tatsachen

Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen. Im Alltag des Menschen sind diese fünf Sinne gleichermaßen beansprucht und arbeiten einander zu.

Etwa 70% der Sinneseindrücke nimmt der sehende Mensch über die Augen wahr. Nimmt man einem sehenden Mensch das Licht, stehen ihm demnach in den ersten Minuten lediglich 30% seiner gewohnten Sinnesleistung zur Verfügung.

Der Hörsinn ist für einen blinden Menschen der wichtigste Fernsinn.

Schon nach wenigen Minuten in der Dunkelheit intensiviert der sehende Mensch seine vier übrigen Sinne, verteilt die internen Rollen neu, lässt Ohren und Hände "sehen", erriecht, erhört und erspürt seine Umgebung.

Reduktion als Bereicherung empfinden. Durch den Wegfall des Sehsinns werden neue Wahrnehmungsmöglichkeiten entdeckt und aktiviert. Es entstehen nie gesehene innere Bilder, die ausdrucksvoll und emotionsgeladener sind als manches reale Bild.

Riechen und Schmecken erscheinen auf den ersten Blick im Dunkeln nicht anders als im Hellen. Wer aber kann wirklich sagen, schon einmal in absoluter Dunkelheit gewesen zu sein – geschweige denn, inmitten von ihr gegessen zu haben? Wenn sich die übrigen Sinne intensivieren, intensiviert sich auch der Geschmacks- und der Geruchssinn, dann wird das Essen zum neuen Sinnerlebnis.

 

II. "Was soll das alles?"

Der Rahmen der Begegnung ist alltäglich. Beim Besuch der unsicht-Bar geht es nicht darum, eine Mutprobe zu bestehen oder eine Situation zu meistern, die unberechenbar und angsteinflößend ist – man trifft sich beim Essen und einzige Veränderung ist der dauerhafte Wegfall des Lichtes.

Gerade das Neuerleben einer solchen, tausendfach erprobten Situation wie der des Essens, bringt die erwünschte, größtmögliche Wirkung.

Alles Gewohnheitsmäßige und Gedankenlose wird unmöglich, jeder kleinste Schritt muss bedacht werden und die Aufmerksamkeit für das Detail steigert sich ins Unermessliche. Es beginnt eine interne Umordnung, die die Hierarchie der Sinne durcheinanderwirbelt, die seit Lebenszeiten bestand. Und hier steht der blinde oder sehbehinderte Kellner zur Seite, als ein Mensch, der diese Umverteilung vorlebt, der sich in der neuen Welt auskennt und dessen außergewöhnliche Fähigkeiten mit einem Mal erfahrbar und damit nachvollziehbar werden.

Beim Heraustreten ans Licht wird das Sehen zum Erlebnis - das Alltägliche zum Wunderbaren.

Der Gast der unsicht-Bar lernt etwas völlig Neues kennen. Zum einen macht er eine sehr persönliche Erfahrung. Er stellt sich der Herausforderung der absoluten Dunkelheit, bringt sich mit dem Nichtsehen in eine Situation, die ungewohntes Handeln verlangt und kann erleben, dass er der Sache gewachsen ist.

Neu ist außerdem die Art der Erfahrung, die an keine visuellen Bilder gebunden ist. Da existiert kein einprägsamer Blickfang über den man seine Erinnerung abrufen kann. Was bleibt, ist eine Kombination von Empfindungen, die ausschließlich über die Nase, die Ohren, den Mund oder den Tastsinn aufgenommen wurden und damit reiht sich ein Abend puren Gefühls in die Vielzahl der bunten Bilder des Alltags ein.

Alte Strukturen verlieren für ein paar Stunden ihre Gültigkeit - in der unsicht-Bar sind alle Gäste gleich. Der Gast tritt ein in eine Welt, in der mit anderen Maßstäben gemessen wird, ordnet sich demjenigen unter, der ihm hilfreich zur Seite steht und lernt, dass im subjektiven Verlust eine großartige Erfahrung verborgen liegen kann.

Die unsicht-Bar hebt sich ab vom gewöhnlichen Restaurant. Neben dem Genuss des Essens, verschafft der Besuch der unsicht-Bar dem Gast einen Zweitnutzen auf emotionaler Ebene.

Sinnvolle Erfahrung statt Gaudi. Der Besucher stellt sich keiner technischen Herausforderung, mit dem Aufenthalt in der Dunkelheit, stellt er sich seiner eigenen Empfindung - die unsicht-Bar ist ein Themen-Restaurant, in dem der Gast dazu ermuntert wird, sich selbst zum Thema zu machen.

© 2009 | unsicht-Bar® GmbH, Köln